Arbeit und Beschäftigung im Zeitalter der Digitalisierung: Podiumsdiskussion an der Chinesisch-Deutschen Hochschule

Datum:2018-05-23Autor:Seitenaufrufe:17

Algorithmen und Maschinen ersetzen den Menschen, die Arbeitswelt stürzt ins Endzeitalter. Medien und Studien verbreiten solche Horrorszenarien. Doch sind diese gerechtfertigt? Im Rahmen einer Chinesisch-Deutschen Dialogveranstaltung in der „Deutschen Woche im Innovationslabor der Chinesisch-Deutschen Hochschule der Tongji-Universität diskutierte ein Expertenteam mit Studierenden und zahlreichen weiteren Interessierten am Abend des 23. Mai dieses medienbestimmende Thema.


Professor. Dr. Tino Schuppan


Durch den Abend führte Stefan Pantekoek, der seit 2015 das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Shanghai leitet. Zu Beginn warf er die zentrale Frage auf, wie der digitale Wandel die Welt und die Rolle der Beschäftigen verändern wird. Welche Qualifikationen werden künftig notwendig sein, um unter den neuen Bedingungen bestehen zu können? Sowohl in China als auch in Deutschland bringe die „vierte industrielle Revolution ähnliche Herausforderungen mit sich. Einerseits manifestiere sich ein Strukturwandel, in dessen Zuge Maschinen die Jobs von Menschen übernähmen; andererseits verändere die Digitalisierung insbesondere das „Wie der Arbeit: Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwömmen, ständige Erreichbarkeit und steigende Arbeitseffizienz seien zunehmend vorausgesetzt.


Podiumsdiskussion im Chinesisch-Deutschen Innovationslabor


In seinem Vortrag im Anschluss ging Tino Schuppan, Professor für Public Management an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit und wissenschaftlicher Direktor des Instituts für eGovernment in Potsdam, aus verschiedenen Blickwinkeln auf die Thematik ein. Als Chance und auch als Herausforderung unserer Gegenwart betreffe die Digitalisierung in China und in Deutschland gleichermaßen jeden Bürger, die Unternehmen, Verwaltungen und Regierungen. Dabei müsse differenziert werden in eine nachholende Digitalisierung, die verbesserte Fachanwendungen sowie Prozessorientierungen zum Inhalt habe, und neuen Formen der Digitalisierung mit all ihren Spielarten – der Künstlichen Intelligenz, Big Data, Blockchain und dem Internet of Things. Während erstere sich mitunter auf einfache Arbeiten auswirke, werde im zweiten Fall mitunter auch der Wegfall von Expertentätigkeiten antizipiert. Aktuelle Diskussionen und Studien zu dieser Thematik seien allerdings kritisch zu beurteilen, da sie in Hinblick auf die Arbeitswelt stark vereinfachend von zwei deterministischen Thesen bestimmt würden: Führt die Digitalisierung zum Ende oder gar zu einer Mehrschaffung von Arbeit?


Rege Beteiligung im Publikum


In den Beiträgen der Doktoranden des Chinesisch-Deutschen Instituts für Berufsbildung an der Tongji-Universität, Zhou Na, Zhu Shan und dem Doppelmaster-Absolvent des Chinesisch-Deutschen Hochschulkollegs Xu Xuhui auf dem Podium sowie unter reger Beteiligung des Publikums wurden anknüpfend insbesondere auch kulturelle und generationsspezifische Unterschiede deutlich. Im bilateralen Vergleich wurde offensichtlich, dass auf deutscher Seite in allen Altersgruppen noch stärker ausgeprägte Unsicherheiten vorherrschten, insbesondere in Hinblick auf eine mögliche Mehrbelastung am Arbeitsplatz. Neben der Einstellung zu Innovation wurden auch Aspekte der fachlichen Kompetenz bei gleichzeitiger kritischer Selbstreflexion, Netzwerk- und Kooperationsfähigkeit sowie der verantwortungsvolle Umgang mit Unsicherheiten als zunehmend wichtige Führungskompetenz genannt.


Professor Schuppan betonte abschließend, die kulturelle Komponente dürfe in der Debatte um die Zukunft der Arbeitswelt nicht vernachlässigt werden. Die Anwendung übereinstimmender Technologien führe in unterschiedlichen Gesellschaften auch zu ungleichen Ergebnissen. Bei der Analyse von Arbeitsmärkten müsse künftig verstärkt zwischen den jeweiligen Tätigkeitsfeldern, erforderlichen Kompetenzen und kulturspezifischen Besonderheiten unterschieden werden. Der Eintritt von Veränderungen stehe nicht zur Debatte, hingegen könne die Richtung nicht eindeutig vorhergesagt werden. Er teile die Auffassung von Berufsforschern, die laute: Im Wettbewerb kann nur jener bestehen, der nicht arbeitsmarktorientiert studiert, sondern vielmehr einer Tätigkeit nachgeht, die ihm Freude bereitet!


Veranstalter:

Chinesisch-Deutscher Campus an der Tongji Universität (Andrea Schwedler und Tao Linli)


Text und Bilder: 

Miriam Nicholls (Chinesisch-Deutsches Hochschulkolleg an der Tongji-Universität)


Link zu CRI:http://german.cri.cn/3105/2018/05/25/1s279120.htm